SONSTIGES

Was man über die Lebenserwartung wissen muss

 

17 Februar 2020

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Thomas Hagemann
Chefaktuar, Mercer Deutschland

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„Jede Generation lebt fünf Jahre länger als ihre Elterngeneration.“

 

Die Veröffentlichung neuer Sterbetafeln durch das Statistische Bundesamt (Destatis) schafft es regelmäßig in die Tagespresse. Veröffentlicht werden dort keine Sterbewahrscheinlichkeiten, sondern Angaben zur Lebenserwartung. Nach der zuletzt veröffentlichten Sterbetafel 2016 bis 2018, also einer Tafel, die auf Daten aus diesem Zeitraum beruht, liegt die Lebenserwartung eines neugeborenen Jungen bei 78,48 und eines neugeborenen Mädchens bei 83,27 Jahren.

Doch was besagen diese Zahlen eigentlich?

Die Destatis-Sterbetafeln sind eine reine Momentaufnahme der beobachteten Sterblichkeit. Sie enthalten also Sterbewahrscheinlichkeiten für jedes Alter, aber eben jeweils für eine Person, die das betrachtete Alter im Beobachtungsjahr erreicht hat. Da sich Sterbewahrscheinlichkeiten im Zeitablauf aber verändern (nämlich verringern), gilt die aktuell für einen 40-Jährigen beobachtete Sterbewahrscheinlichkeit nicht mehr für einen heute 30-Jährigen, wenn er in zehn Jahren das Alter 40 erreicht.

Wenn nun also auf Basis dieser Sterbewahrscheinlichkeiten, die sich immer zwangsläufig auf Personen unterschiedlicher Geburtsjahrgänge beziehen, eine Lebenserwartung hergeleitet wird, so ist das eine rein rechnerische Größe. Diese Lebenserwartung wäre nur unter der Voraussetzung richtig, dass sich die Sterbewahrscheinlichkeiten in der Zukunft nicht mehr verändern.

Sterbetafeln, die auf diesem Wege hergeleitet werden, nennt man Periodentafeln, weil sie nur Daten einer bestimmten Periode beinhalten.

Nun hat sich die Lebenserwartung in den vergangenen Jahren kontinuierlich erhöht. Bei den ältesten verfügbaren Daten aus der Sterbetafel 1871 bis 1881 lag die Lebenserwartung eines Neugeborenen bei 35,58 Jahren für Jungen und 38,45 Jahren für Mädchen. In etwa 140 Jahren hat sich die Lebenserwartung eines Neugeborenen also um deutlich mehr als 40 Jahre erhöht.

Über einen so langen Zeitraum hinkt der Vergleich für Neugeborene allerdings. Bei den ganz alten Sterbetafeln ist nämlich deutlich die hohe Säuglingssterblichkeit zu beobachten. Hatte ein neugeborenes Kind das erste Jahr überlebt, so stieg damals die Lebenserwartung gleich um etwa zehn Jahre an. Rechnet man das heraus, so sind wir im Zeitraum von 140 Jahren immerhin noch bei einer Verlängerung der Lebenserwartung um etwa 30 Jahre.

Hält dieser Trend an? Tatsächlich ist die Lebenserwartung in dem betrachteten Zeitraum relativ kontinuierlich gestiegen. Vor 25 Jahren lag die Lebenserwartung eines neugeborenen Jungen noch um sechs Jahre und eines neugeborenen Mädchens um vier Jahre unter der heutigen Lebenserwartung. Das entspricht in etwa der Entwicklung, die wir über den gesamten Zeitraum von 140 Jahren gesehen haben.

Vereinfacht kann man sagen: Jede Generation lebt fünf Jahre länger als ihre Elterngeneration.

Im Bereich der betrieblichen Altersversorgung interessiert uns eher die Lebenserwartung älterer Menschen. Versorgungsleistungen werden in höheren Altern gezahlt, und die Lebenserwartung hat unmittelbar Auswirkungen darauf, wie lange Versorgungsleistungen gezahlt werden müssen. Wir sehen uns daher im Folgenden die Lebenserwartung für 60-jährige Menschen an.

Was wir oben bereits für Neugeborene gesehen haben, zeigt sich auch in höherem Alter. Frauen leben im Durchschnitt länger als Männer. Während Männer nach den aktuellen Sterbetafeln des statistischen Bundesamtes im Alter von 60 Jahren noch eine Lebenserwartung von 21,7 Jahren haben, liegt sie für Frauen bei 25,3 Jahren.


Auch ältere Menschen profitieren von der Verlängerung der Lebenserwartung. Es handelt sich nicht ausschließlich um einen Effekt aus der Verringerung der Säuglings- und Kindersterblichkeit. Die Sterblichkeit sinkt für alle Alter.

Während wir aktuell für Männer im Alter 60 eine Lebenserwartung von 21,7 Jahren haben, lag sie 25 Jahre früher, nach der Sterbetafel 1991 bis 1993, bei 17,8 Jahren.


Nun hatten wir gesehen, dass die Sterbetafel des statistischen Bundesamtes eine reine Momentaufnahme und die daraus hergeleitete Lebenserwartung folglich eine rein rechnerische Größe darstellen, die sich nicht auf Personen eines bestimmten Geburtsjahrgangs bezieht.

Sterbetafeln, die die einzelnen Geburtsjahrgänge betrachten und eine zukünftige Veränderung der Sterblichkeit bereits in die Berechnung einbeziehen, heißen Generationentafeln. Beispiele für Generationentafeln sind die Heubeck-Richttafeln 2018 G, die speziell für die Zwecke der betrieblichen Altersversorgung hergeleitet wurden, sowie die Tafeln DAV 2004 R, die von der Deutschen Aktuarvereinigung für die Versicherungswirtschaft entwickelt wurden.

Beide Tafeln leiten nicht nur Sterbewahrscheinlichkeiten als Momentaufnahme her, sondern zusätzlich einen Trend zur Verbesserung der Sterblichkeit. Dieser Trend ist altersabhängig und liegt im Bereich von 1 Prozent bis 3 Prozent p. a. Daraus ergibt sich auch zwangsläufig, dass die Lebenserwartung nach diesen beiden Tafeln höher liegt als nach den Tafeln des statistischen Bundesamtes.

Was unterscheidet nun die Heubeck-Richttafeln von den DAV-Tafeln?

Die Heubeck-Richttafeln sind Sterbetafeln im Sinne einer bestmöglichen Schätzung, beispielsweise für die Verwendung im Jahresabschluss. Das heißt, dass sowohl die beobachteten Sterbewahrscheinlichkeiten als auch der Sterblichkeitstrend so hergeleitet werden, dass sie nach Möglichkeit weder zu einer Über- noch zu einer Unterschätzung führen. Sie werden also weder besonders vorsichtig noch besonders unvorsichtig ermittelt.

Demgegenüber beinhalten die DAV-Tafeln Sicherheitszuschläge. Ein Versicherer kann und darf seine Prämien- und Deckungsrückstellungsberechnungen nicht einfach in Form einer bestmöglichen Schätzung durchführen. Würden sich diese Berechnungen nämlich nachträglich als zu unvorsichtig herausstellen, bestünde die Gefahr, dass der Versicherer seine Verpflichtungen nicht mehr erfüllen kann. Leidtragende wären schließlich die Versicherten, die zwar zu Beginn geringere Prämien gezahlt hätten, später dann aber gekürzte Leistungen bekämen. Insoweit ist es zwingend erforderlich, dass ein Versicherer vorsichtig rechnet.

Was das ausmacht, sieht man, wenn man auch hier wieder die Lebenserwartungen eine 60-jährigen Mannes nach den verschiedenen Tafeln vergleicht: Während wir nach den Destatis-Sterbetafeln eine Lebenserwartung von 21,7 Jahren gesehen haben, liegt sie für die Heubeck-Richttafeln bei 24,4 Jahren und bei den DAV-Tafeln sogar bei 31,4 Jahren.

 

Der Grund für die sehr lange Lebenserwartung bei den DAV-Tafeln liegt im Übrigen nicht ausschließlich an den Sicherheitszuschlägen. Vielmehr sind Sicherheiten implizit schon dadurch berücksichtigt, dass diese Tafeln auf der Basis von realen Versicherungsbeständen hergeleitet wurden. Die Ausgangsdaten unterlagen somit schon Selektionseffekten: Personen, die sich gesund fühlen, schließen eher eine Lebensversicherung ab und haben auch eher eine lange Lebenserwartung. Personen, die sich weniger gesund fühlen, machen das nicht und leben in der Regel auch kürzer. Personen mit einer Lebensversicherung leben also im Durchschnitt länger als der Rest der Bevölkerung.

Unterschiede im Personenbestand gibt es im Übrigen auch zwischen den Sterbetafeln des statistischen Bundesamtes und den Heubeck-Richttafeln: Während erstere die Gesamtbevölkerung abbilden, haben letztere als Zielrichtung Personen mit einer betrieblichen Altersversorgung, wobei faktisch die Zahlen aller rentenversicherungspflichtig beschäftigten Personen einfließen. Man kann davon ausgehen, dass erwerbstätige Personen eine höhere Lebenserwartung haben als Personen, die nicht arbeiten – zum Beispiel, weil sie wegen einer Krankheit nie erwerbsfähig waren.

Wollen Sie nun noch wissen, wie lange Sie leben?

Im Internet kursieren Rechner zur individuellen Lebenserwartung. Sie funktionieren alle nach einem relativ einfachen Prinzip: Ausgangsbasis ist die Lebenserwartung irgendeiner Sterbetafel, womit Alter und Geschlecht bereits abgedeckt wären. Danach werden ein paar wenige Fragen zur Lebensführung gestellt und die Lebenserwartung um Zu- und Abschläge korrigiert. Rauchen beispielsweise führt zu Abschlägen bei der Lebenserwartung. Basis für diese Zu- und Abschläge sind medizinische Studien zum Einfluss dieser Merkmale.

Dass diese Lebenserwartungsrechner letztlich nur eine Spielerei sind, braucht wohl nicht gesondert erwähnt zu werden. Die individuelle Lebenserwartung lässt sich ohnehin nicht vorhersagen. Wenn Sie lange leben wollen, dann seien Sie vorsichtig – im Haushalt und im Verkehr.

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