INTERNATIONALE RECHNUNGSLEGUNG

Reform der IFRS-Anhangangaben – wir beginnen mit Pensionen!

 

8. April 2021

img
Thomas Hagemann
Chefaktuar, Mercer Deutschland
„Jetzt werden die Weichen für den IFRS-Anhang der Zukunft gestellt.“

 

Am 25. März hat das IAS-Board den Exposure Draft ED/2021/3 veröffentlicht, mit dem ein Mammutprojekt angestoßen wird. Unter dem Titel „Disclosure Requirements in IFRS Standards − A Pilot Approach” werden die ersten Änderungen von Standards auf den Weg gebracht, mit denen das „Anhangproblem“ gelöst werden soll. IAS 19, Leistungen an Arbeitnehmer, ist als Pilotstandard von vornherein dabei.

Die Lösung des Anhangproblems

Worin besteht dieses Anhangproblem? Es geht um die Sorge, dass der Geschäftsbericht nicht genügend relevante Informationen, zu viele irrelevante Informationen und eine ineffektive Darstellung der Informationen beinhaltet.

Und wie soll es gelöst werden? Das IAS-Board fasst sich zunächst an die eigene Nase und möchte die Vorgehensweise, mit der es Anforderungen an Anhangangaben entwickelt, verbessern. Zu diesem Zweck enthält der „Exposure Draft“ zum einen Leitlinien für das IAS-Board selbst, zum anderen die erste Anwendung dieser Leitlinien auf zwei Teststandards, nämlich IAS 19 und IFRS 13.

Dieser „Exposure Draft“ ist sehr wichtig. Mit ihm werden die Weichen für den gesamten zukünftigen Anhang des IFRS-Abschlusses gestellt. Auch wenn im ersten Schritt nur zwei Standards betroffen sind, werden die Leitlinien nach und nach auf alle Standards angewendet werden. Daher ist es sehr wichtig, dass die Praxis sehr genau hinsieht, in welche Richtung die Reise geht. 

Die Kommentierungsfrist wurde dementsprechend auf 30 Wochen festgelegt. Sie endet am 21. Oktober 2021.

Die zukünftigen Leitlinien für das IAS-Board

Zukünftig soll es nicht mehr möglich sein, die Anhangangaben checklistenartig abzuarbeiten. Die Standards sollen von regelbasierten zu prinzipienbasierten Anforderungen übergehen. Sie sollen Ziele beinhalten und Hinweise geben, wie diese Ziele erfüllt werden können.

Bezogen auf IAS 19 wurde dazu ohnehin schon der erste Schritt im Jahr 2011 getan, indem die Unternehmen beispielsweise verpflichtet wurden, für ihre Anhangangaben abzuschätzen, wie stark Angaben zusammengefasst werden können oder differenziert werden müssen. Auch die Angaben zu Eigenheiten und Risiken der Pläne erforderten Einschätzungen des Erstellers des Geschäftsberichtes. Somit waren die Anhangangaben nach den IFRS ohnehin deutlich weniger checklistenartig abzuarbeiten als diejenigen nach HGB.

Um zu einer entsprechenden prinzipienbasierten Anforderung zu kommen, möchte das IAS-Board in allen Standards in drei Schritten vorgehen.

Jeder Standard soll übergreifende Anhangziele beinhalten. Der Ersteller eines Geschäftsberichtes muss daher prüfen, mit welchen Informationen die übergreifenden Anhangziele erfüllt werden.

Ergänzt werden sie durch spezifische Anhangziele. Diese enthalten detaillierte Anforderungen, zu welchen Themenbereichen der Leser des Geschäftsberichtes Informationen benötigt. Auch hier muss der Ersteller des Geschäftsberichtes prüfen, wie er den spezifischen Anhangzielen Genüge tut.

Auch zukünftig enthalten die Standards konkrete Anhangangaben, allerdings deutlich weniger als bisher. Angaben, die nach Einschätzung des IAS-Boards unbedingt erforderlich sind, werden in einheitlicher Formulierung als verbindlich gekennzeichnet („shall“). Andere Angaben werden als Beispiele dafür aufgeführt, wie bestimmte Anhangziele erfüllt werden können. Auch diese werden sprachlich eindeutig gekennzeichnet („While not mandatory, the following information may enable an entity to meet“).

Im Folgenden beziehen sich alle Verweise auf den Entwurf von IAS 19 im „Exposure Draft“ ED/2021/3.

Die zukünftigen Ziele für Defined-Benefit-Pläne

In der Entwurfsfassung von IAS 19.147A bis 147C wird als übergreifendes Anhangziel vorgesehen, dass es den Abschlussadressaten ermöglicht wird, die Auswirkungen von Defined-Benefit-Plänen auf die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage und den Cashflow des Unternehmens zu beurteilen und die hiermit verbundenen Risiken und Unsicherheiten zu bewerten.

Daneben sieht der Standard sechs spezifische Anhangziele vor, die Informationen zu folgenden Punkten erfordern:

  1. Beträge im Abschluss, die sich auf Defined-Benefit-Pläne beziehen (IAS 19.147D bis 147F);
  2. die Art der Defined-Benefit-Pläne und die mit ihnen verbundenen Risiken (IAS 19.147G bis 147I);
  3. erwartete künftige Cashflows von Defined-Benefit-Plänen (IAS 19.147J bis 147M und IAS19.A2 bis A7);
  4. künftige Zahlungen an Mitglieder von Defined-Benefit-Plänen, die für neue Mitglieder geschlossen sind (IAS 19.147N bis 147P);
  5. Bewertungsunsicherheiten bei den Versorgungsverpflichtungen von Defined-Benefit-Plänen (IAS 19.147Q bis 147S) und
  6. Gründe für Änderungen der in der Bilanz erfassten Beträge für Defined-Benefit-Pläne (IAS 19.147T bis 147W).

Einige Punkte lesen sich zwar ähnlich wie die Anforderungen im aktuellen Standard, zu beachten ist aber, dass es sich hier nun um Ziele handelt, deren konkrete Ausgestaltung vom Anhangersteller zu beurteilen ist.

Verpflichtende Angaben für Defined-Benefit-Pläne

Auch der Entwurf der Änderungen an IAS 19 enthält eine Reihe verpflichtender Anforderungen. Diese sind aber deutlich weniger umfangreich als im bisherigen Standard. Sie finden sich in den Abschnitten IAS 19.147F, 147M und 147V und betreffen nur die Ziele Nummer 1, 3 und 6 in der obigen Auflistung.

Es kommen zwar ein paar neue Angaben dazu (beispielsweise die an anderer Stelle ohnehin vorhandene Angabe der latenten Steuern, die auf Defined-Benefit-Pläne entfallen), auffällig ist aber, dass viele bisher selbstverständliche Angaben entfallen. So muss zukünftig zwar weiterhin zwingend die Pensionsrückstellung tabellarisch übergeleitet werden, nicht aber DBO und Planvermögen.

Allerdings ist zu beachten, dass sich aus den Zielen unter Umständen selbst schon zwingende Angaben ergeben. Unter dem Ziel Nummer 5, Bewertungsunsicherheiten bei den Versorgungsverpflichtungen, werden beispielsweise Informationen verlangt, die das Verständnis der wesentlichen versicherungsmathematischen Annahmen ermöglichen. Dabei ist es schwer vorstellbar, dass man dieses Ziel ohne Angabe der Annahmen selbst erfüllen kann. Konkrete Beispiele, welche Annahmen in welcher Form angegeben werden können, sind in IAS 19.147S genannt.

Ähnlich sieht es bei Ziel Nummer 4 aus. Das Ziel erfordert Informationen zum Verständnis des Zeitraums, über den Zahlungen für geschlossene Defined-Benefit-Pläne geleistet werden. In IAS 19.147P werden beispielhaft die Duration und die Zahl der Jahre, in denen noch Leistungen fällig werden, genannt. Am Ende wird man vermutlich eins von beiden als Pflichtangabe betrachten.

Es bleibt daher das Gefühl, dass die neuen Angaben doch nicht so prinzipienorientiert sind, wie es angestrebt wurde. Dies muss aber innerhalb der Kommentierungsfrist noch weiter geprüft werden.

Weitere Änderungen 

Es gibt nicht etwa nur ein einziges übergreifendes Ziel für IAS 19, sondern mehrere in Abhängigkeit vom Plantypus.

Das übergreifende Ziel für Defined-Contribution-Pläne sieht vor, dass dem Anhangadressaten das Verständnis ermöglicht werden soll, welchen Einfluss diese Pläne auf Jahresergebnis und Cashflow haben. Die verpflichtende Angabe der Beitragssumme wird nicht mehr genannt, in der Praxis wird sie aber vermutlich beibehalten werden.

Außerdem sieht der „Exposure Draft“ Änderungen für Multi-Employer-Pläne, für kurzfristige Leistungen an Arbeitnehmer, für andere langfristige Leistungen an Arbeitnehmer und für Leistungen anlässlich der Beendigung des Arbeitsverhältnisses vor.

Auch die Anwendungshinweise und illustrierenden Beispiele von IAS 19 sollen angepasst werden.

Neben IAS 19 werden die neuen Leitlinien des IAS-Boards auch für IFRS 13, den zweiten Pilotstandard, angewendet. Zudem gibt es Folgeänderungen in einem weiteren Standard (IAS 34) und einer Interpretation (IFRIC 17).

Wie geht es weiter?

Die angestrebte Kommentierungsfrist wurde, teilweise bedingt durch die Coronakrise, teilweise begründet mit der Komplexität der Änderungen, immer weiter verlängert. Zuletzt war sogar die Rede von einer Frist von 270 Tagen. Am Ende sind es nun 210 Tage, also 30 Wochen, geworden. Die Kommentierungsfrist endet somit am 21. Oktober 2021.

Es ist nicht zu erwarten, dass die Änderungen noch in diesem Jahr finalisiert werden. Realistischer ist es, davon auszugehen, dass die endgültigen Standardänderungen Mitte 2022 veröffentlicht werden, sodass die Übernahme in EU-Recht Mitte 2023 erfolgen kann. 

Diese lange Frist sollte allerdings kein Grund zur Entspannung sein, denn wie oben bereits ausgeführt: Jetzt werden die Weichen gestellt für die Frage, wie in Zukunft der gesamte Anhang eines IFRS-Geschäftsberichtes auszusehen hat.

WEITERE SPANNENDE THEMEN

Wie steht es um die Reform des § 6a EStG?
Thomas _Hagemann Thomas Hagemann |23 Mar 2019

Das Bundesverfassungsgericht muss entscheiden, ob der Rechnungszinssatz von 6 Prozent in § 6a EStG verfassungswidrig ist. Daneben gibt es Überlegungen zur Reform des Bewertungsverfahrens. Alles gut und schön, aber…

Mailand oder Madrid: Altersvorsorge auf einen Blick
THOMAS _HAGEMANN Thomas Hagemann |13 Apr 2019

Mit dem Projekt "European Tracking Service on Pensions" will die EU, ein länderübergreifendes Info-Portal zur Altersversorgung entwickeln. Die geplante säulenübergreifende Altersvorsorge- Information in Deutschland könnte daran angeschlossen werden.

PEPP ist nicht mehr aufzuhalten
  Thomas _Hagemann Thomas Hagemann |20 Jun 2019

Mit PEPP soll eine EU-einheitliche kapitalgedeckte private Altersversorgung eingeführt werden, die laut EIOPA sehr verbraucherfreundlich ausgestaltet ist. Doch wird die Altersversorgung dadurch besser, dass immer neue Systeme eingeführt werden?