INTERNATIONALE RECHNUNGSLEGUNG

Die Bewertungsprämissen Ende Mai 2020

 

22. Juni 2021

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Thomas Hagemann
Chefaktuar, Mercer Deutschland

 

„Die Inflationsannahme wird einen Großteil der Entlastung durch die Zinsentwicklung wieder zunichtemachen.“

Die Covid-19-Pandemie hält seit über einem Jahr an und hat große Teile unseres Lebens beeinflusst. Auch die Finanzmärkte waren erheblichen Turbulenzen ausgesetzt. Das hat Einfluss auf die Bewertungsprämissen. Mit dem Ende der dritten Welle kommt etwas Ruhe zurück – auch bei den Bewertungsprämissen? Ein guter Zeitpunkt, einen Blick darauf zu werfen.

Der Bewertungszins

Die wichtigste Prämisse ist der Rechnungszins. Im März letzten Jahres unterlag der Zins Schwankungen von etwa einem Prozentpunkt innerhalb weniger Tage. Zum 31.12.2020 lag der Zins nach der Mercer Yield Curve für IAS 19 für eine Duration von 15 Jahren bei 1,00 % und damit so niedrig wie noch nie zu einem Jahresende.

Im ersten Quartal ist der Zins allerdings wieder deutlich angestiegen und hat das Niveau von Ende 2019 überschritten. Seitdem ist er relativ stabil, Ende Mai lag er bei 1,41 %.

Der HGB-Rechnungszins ermittelt sich als 10-Jahres-Durchschnittszins. Er lag zum 31.05.2021 bei 2,12 % und damit bereits 18 Basispunkte niedriger als Ende 2020. Bis zum Jahresende wird er bei unverändertem Zinsumfeld voraussichtlich um weitere 24 Basispunkte auf 1,88 % fallen. Der Zinsrückgang ist damit genauso groß wie im Vorjahr, wird aber wegen des niedrigeren Ausgangsniveaus eine stärkere Wirkung haben – je niedriger der Zins bereits ist, desto stärker wirkt sich ein weiterer Zinsrückgang aus.

Update 01.07.2021: Auch im Juni waren die Bewertungsprämissen stabil. Der Zins nach der Mercer Yield Curve für eine Duration von 15 Jahren lag zum 30.06.2021 bei 1,39 %. Zum gleichen Zeitpunkt lag der HGB-Rechnungszins bei 2,09 %. Bis zum Jahresende wird ein Absinken bis 1,88 % erwartet.

 

 

Der Rententrend

Eine weitere wichtige Bewertungsannahme ist der Rententrend. Da für viele Verpflichtungen immer noch die Anpassungsprüfungspflicht nach § 16 Abs. 1 BetrAVG gilt, ist hierfür die Inflationserwartung für die Zukunft maßgeblich.

 

Betrachtet man inflationsabhängige Wertpapiere und leitet daraus die Inflationserwartung des Marktes her, so kommt man für den Euroraum zum Ende des Jahres 2020 auf eine Größenordnung von 0,90 %. Dieser Wert lag Ende Mai schon bei 1,40 %. Wir haben hier also fast einen Gleichlauf mit der Zinsentwicklung nach der Mercer Yield Curve.

 

Das heißt aber, dass die Inflationsannahme einen Großteil der Entlastungen durch die Zinsentwicklung wieder zunichtemachen wird. Aus den folgenden Gründen werden die Entlastungen aber nicht vollständig aufgezehrt:

 

  • Die Inflationsannahme betrifft nur Versorgungsverpflichtungen, für die noch die Anpassungsprüfungspflicht gilt. Für Zusagen ab 1998 wurde in vielen Fällen zulässigerweise eine garantierte Anpassung von 1 % eingeführt, die inflationsunabhängig ist. Einige Unternehmen haben ihre Rentenzusagen zudem durch Kapitalzusagen abgelöst. Für solche Zusagen spielt die Inflationsannahme keine Rolle.
  • Der Zins entfaltet seine Wirkung über die gesamte Laufzeit der Verpflichtung, während der Rententrend ausschließlich die Rentenbezugsphase betrifft.
  • In Deutschland ist es unüblich, sich direkt an die vom Markt hergeleitete Inflationsannahme anzulehnen. Stattdessen wurden meist höhere Inflationsannahmen als die oben genannten verwendet. Diese dürften zwar auch in vielen Fällen zu erhöhen sein, aber eben deutlich moderater.

Der Gehaltstrend

Die geänderte Inflationsannahme wird sich möglicherweise auch im Gehaltstrend auswirken. Eine höhere Inflation könnte zu höheren Tarifanpassungen führen, was die insgesamt zu erwartenden Bezügeerhöhungen ebenfalls steigen lässt. Diese Frage ist aber unternehmensindividuell zu beantworten. In vielen Fällen muss der Gehaltstrend möglicherweise nicht erhöht werden.

 

Die biometrischen Rechnungsgrundlagen

Ein unmittelbarer Zusammenhang könnte zwischen der Pandemie mit den damit verbundenen Todesfällen und den verwendeten Sterbetafeln gesehen werden. Etwa 90.000 Menschen sind an oder mit Covid-19 verstorben, was im Vergleich zu einer knappen Million Todesfällen insgesamt pro Jahr nicht unerheblich ist. Wie sich das auf die zukünftigen Sterbefälle auswirkt, ist noch weitgehend unklar. Haben die überlebenden Menschen eine höhere Lebenserwartung, weil vor allem Menschen mit Vorerkrankungen gestorben sind? Oder haben sie eine niedrigere Lebenserwartung, weil viele Menschen nach einer Erkrankung Langzeitschäden davongetragen haben?

 

Solange diese Fragen nicht geklärt sind, ist davon auszugehen, dass die bisher verwendeten Sterbetafeln weiterhin die bestmögliche Schätzung (IAS 19) bzw. die vernünftige kaufmännische Beurteilung (HGB) darstellen.

 

Diese Thematik habe ich zusammen mit meinem Kollegen Christian Viebrock vor zwei Monaten in einem Beitrag auf LeiterbAV betrachtet: „Übersterblichkeit und Covid-19 (II): Resümee der zweiten Welle“. Die dritte Welle ändert nichts am Fazit.

 

Neben der Sterblichkeit wäre auch die Invalidität zu betrachten. Im Kreis der aktiven Arbeitnehmenden haben die Todesfälle eine geringere Rolle gespielt. Durch Langzeitfolgen einer Covid-Erkrankung ist aber eine Zunahme der Invalidisierungen durchaus denkbar. Aber auch hier gilt: Bisher gibt es keine belastbaren Erkenntnisse, welche Auswirkungen die Pandemie haben wird.

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