INTERNATIONALE RECHNUNGSLEGUNG

Bestandsaufnahme: Auf welche Änderungen an IAS 19 müssen wir uns einstellen?

 

19. November 2020

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Thomas Hagemann
Chefaktuar, Mercer Deutschland
„Es tut sich etwas in der internationalen Rechnungslegung, aber vor 2022 sind keine Änderungen zu erwarten.“

Die Mühlen der internationalen Rechnungslegung mahlen langsam, und in Zeiten der Pandemie mahlen sie noch einmal langsamer. Das IAS-Board ist zwar nicht im Lockdown, aber bedingt durch die allgemeinen Einschränkungen sind viele Fristen bei der Änderung von Standards verlängert worden. Dadurch werden die Projekte langsamer abgeschlossen. 

Das birgt die große Gefahr, dass die Themen aus dem Auge verloren werden, sei es, weil die spärlichen Informationen übersehen werden, sei es, weil sie wegen der zeitlichen Ferne der Umsetzung nicht als dringlich angesehen werden. 

Daher soll dieser Beitrag eine kleine Bestandsaufnahme liefern und darstellen, mit welchen Themen zu Pensionsverpflichtungen sich das IAS-Board gerade beschäftigt oder in naher Zukunft beschäftigen wird. Sehen wir uns die Projekte also im Einzelnen an. 

Anhangangaben: Disclosure Initiative 

Das Projekt zu den Anhangangaben ist ein Mammutprojekt. Das IAS-Board hat sich hier nicht weniger vorgenommen, als die Anhangangaben insgesamt zu überarbeiten. Ausgangspunkt ist das „Anhangproblem“: Zu wenige relevante Informationen können zu Fehlinvestitionen führen. Irrelevante Informationen können relevante Informationen verdecken. Eine ineffektive Kommunikation kann das Verständnis der Anhangangaben erschweren. 

Um dieses Anhangproblem zu lösen, hatte es sich das IAS-Board zur Aufgabe gemacht, Ziele für die Anhangangaben festzulegen und jede einzelne Angabe diesen Zielen zuzuordnen. Eine solche Vorgabe erfolgt sowohl übergreifend als auch standardspezifisch. Ob eine bestimmte Angabe verpflichtend ist oder lediglich eine Möglichkeit darstellt, dem entsprechenden Ziel gerecht zu werden, soll sprachlich zukünftig klar erkennbar sein. 

IAS 19 ist einer der beiden Zielstandards, in denen die neuen Prinzipien umgesetzt werden sollen. Formal sind hier nicht unbedingt zusätzliche verbindliche Anhangangaben zu erwarten. Faktisch werden aber die Abschlussprüfer Anregungen aus dem Standard aufnehmen und auch nicht verpflichtende Angaben fordern. (Näheres dazu in unserem Artikel vom 23.03.2020.) 

Die wesentlichen Entscheidungen sind bereits gefallen, ein Entwurf für die Neufassung von IAS 19 soll im März 2021 erscheinen. Die Kommentierungsfrist soll 180 Tage betragen. 

Wertpapiergebundene Zusagen: Pension Benefits that Depend on Asset Returns

Bei der Bewertung wertpapiergebundener Zusagen handelt es sich um ein nicht enden wollendes Thema, mit dem sich das IAS-Board bereits seit vielen Jahren ergebnislos beschäftigt. Es geht um Zusagen, bei denen die Leistungshöhe von Erträgen eines bestimmten Wertpapieres abhängt. 

Bei wörtlicher Auslegung von IAS 19 wäre die zukünftige Leistungshöhe durch Aufzinsung des gegenwärtigen Werts des Wertpapiers mit der erwarteten Rendite zu ermitteln. Die so ermittelten Leistungen wären dann versicherungsmathematisch zu bewerten, also insbesondere mit dem Rechnungszins wieder abzuzinsen. Ist die erwartete Rendite höher als der Rechnungszins, ergibt sich auf diesem Wege ein Verpflichtungswert, der höher ist als der Zeitwert des Wertpapiers. Diese Bewertung ist nicht sachgerecht, weil das Unternehmen tatsächlich kein über den Wert des Wertpapiers hinausgehendes Risiko trägt. 

Im Jahr 2004 gab es bereits einen Entwurf für eine Interpretation, IFRIC D9, die dieses Problem lösen sollte. Die Interpretation wurde allerdings nicht verabschiedet, die Problematik blieb ungelöst. 2008 wurde ein umfangreiches Diskussionspapier veröffentlicht, das aber auch folgenlos blieb. In Deutschland gibt es dagegen seit Jahren einen breiten Konsens, den Verpflichtungswert bei solchen Zusagen mit dem Zeitwert der Wertpapiere anzusetzen. Diese Methodik wird daher in Abschnitt 2.4.4. der Richtlinien der Deutschen Aktuarvereinigung zur „Anwendung von IAS 19 Employee Benefits auf die betriebliche Altersversorgung in Deutschland“ vom 23.06.2020 als „ökonomisch sinnvoller Ansatz“ empfohlen. Aus deutscher Sicht ist das Problem also gelöst. 

Als Folge der 2015 Agenda Consultation steht aktuell ein Forschungsprojekt zu dieser Thematik auf der Agenda. Die Untersuchungen sollten sich allerdings auf einen ganz speziellen Ansatz beschränken, nämlich auf die Kappung des erwarteten Ertrags auf den Rechnungszins unter Beibehaltung einer wörtlichen Auslegung von IAS 19. Dieser Ansatz ist vom Ergebnis sehr nahe an der deutschen Praxis. 

Die EFRAG, die European Financial Reporting Advisory Group, hat im Jahr 2019 für Unruhe gesorgt, weil sie in einem Diskussionspapier auch wertpapiergebundene Zusagen mit Mindestverzinsung betrachtet und ganz neue Bewertungsansätze vorgeschlagen hat (Näheres dazu im Artikel vom 13.08.2019). Die Kommentierungen waren überwiegend ablehnend, sodass das Diskussionspapier keine Folgen für das Projekt des IAS-Boards haben sollte. 

Die Ergebnisse des Forschungsprojektes sollen noch in diesem Jahr diskutiert werden. Möglicherweise kommt es zu einer eng umrissenen Standardänderung. Aus deutscher Sicht könnten wir damit gut leben, bevorzugen würden wir aber die Beibehaltung des Status quo. 

Änderung IFRIC 14: Availability of a Refund 

IFRIC 14 beschäftigt sich mit der Vermögensobergrenze (Asset Ceiling), Mindestdotierungen und dem Zusammenspiel beider. Für deutsche Pläne ist die Thematik unbedeutend. Deutsche Konzerne sind aber mit ihren ausländischen Plänen, insbesondere in Großbritannien, von IFRIC 14 betroffen. 

Im Jahr 2018 wurde IAS 19 im Hinblick auf Sonderereignisse (Planänderungen, Plankürzungen, Planabgeltungen) geändert. Die am deutlichsten spürbare Veränderungen war die Forderung, nach einem solchen Sonderereignis den Pensionsaufwand für den Rest der Periode neu zu berechnen. (Näheres dazu im Artikel vom 25.03.2019.) Zusammen mit dieser Änderung war ursprünglich auch eine Änderung an IFRIC 14 geplant. 

Das betraf insbesondere die Ermittlung des wirtschaftlichen Nutzens einer Überdeckung. Die Möglichkeit eines Dritten (zum Beispiel des Treuhänders), Leistungen zu erhöhen oder den Plan insgesamt abzuwickeln, sollte wertmindernd in den wirtschaftlichen Nutzen einer Überdeckung einfließen. Im Zusammenhang mit Mindestdotierungsverpflichtungen hätte die Änderung dazu geführt, dass insbesondere in Großbritannien höhere Rückstellungen hätten ausgewiesen werden müssen. Entsprechend groß war der Protest von Seiten der Unternehmen, sodass die Änderung an IFRIC 14 von der Änderung an IAS 19 getrennt wurde. 

Seitdem ist das Schicksal der Vorschläge zu IFRIC 14 offen. Im Februar 2020 wurde zwar beschlossen, die Änderungen nicht zu finalisieren. Das Projekt wurde damit allerdings nicht beendet. Stattdessen soll in einer zukünftigen Sitzung des IAS-Boards über die weitere Richtung entschieden werden. Zu begrüßen wäre es, wenn das Projekt in der Schublade verschwinden würde. 

2020 Agenda Consultation 

Alle fünf Jahre legt das IAS-Board seine Agenda neu fest. Hierfür wird die Fachwelt gebeten, Stellung zu den vorgeschlagenen Projekten zu nehmen. Nun steht die 2020 Agenda Consultation an, entsprechende Kommentierungen sollen von März bis Juli 2021 möglich sein. Es sollen nur neue Projekte berücksichtigt werden, die bereits laufenden Projekte sollen nicht neu priorisiert werden. 

Nach derzeitigem Stand werden folgende Themenbereiche berücksichtigt, die Auswirkungen auf die Rechnungslegung der betrieblichen Altersversorgung haben werden: 

  1. Entwicklung von Rechnungslegungsvorschriften für hybride Pensionspläne: Derzeit beschäftigt sich das IAS-Board mit der oben beschriebenen, eng umrissenen Standardänderung zu wertpapiergebundenen Versorgungszusagen. Häufig enthalten solche Zusagen aber auch Mindestleistungen, sodass es sich in Wirklichkeit nicht um rein wertpapiergebundene, sondern um hybride Pläne handelt. Wie oben schon erwähnt: eine nicht enden wollende Diskussion.

  2. Rechnungszins: Verschiedene Standards verwenden einen Rechnungszins, der nicht einheitlich definiert ist. Bereits vor einigen Jahren gab es hierzu ein Forschungsprojekt. Eine übergreifende Betrachtung dieses Themas könnte dazu führen, dass der Rechnungszins nach IAS 19 geändert wird. Explizit erwähnt wird auch die Frage, wie mit negativen Zinssätzen umzugehen ist. Derzeit ist eine Anhebung auf 0 % nach IAS 19 nicht möglich. 

  3. Recycling: Das sonstige Ergebnis (Other Comprehensive Income, OCI) zeigt Eigenkapitalveränderungen, die nicht über die Gewinn- und Verlustrechnung erfasst worden sind und somit nicht das Jahresergebnis beeinflussen. Der Umgang mit dem sonstigen Ergebnis ist in den verschiedenen Standards uneinheitlich geregelt. Manche Veränderungen, die im sonstigen Ergebnis gebucht wurden, werden nachträglich in der Gewinn- und Verlustrechnung erfasst. IAS 19 verbietet dieses sogenannte Recycling für die Neubewertungen – sie bleiben dauerhaft außerhalb der Gewinn- und Verlustrechnung. Eine Überprüfung dieser Vorgehensweise könnte in die Agenda aufgenommen werden. 

Ausblick

Am weitesten fortgeschritten ist das Projekt zu den Anhangangaben. Es ist zu erwarten, dass es im nächsten Jahr zu einer entsprechenden Standardänderung kommt. Die Übernahme in EU-Recht dauert in der Regel ein gutes Jahr. Vor 2022 wird es daher voraussichtlich nicht zu Änderungen in den Anhangangaben kommen. 

 

Einigt sich das IAS-Board sehr schnell auf die eng umrissene Änderung für wertpapiergebundene Zusagen, so könnte der Zeitplan hierfür ähnlich aussehen wie bei den Anhangangaben. Möglicherweise könnten die beiden Änderungen sogar zusammengeführt werden. 

 

Bei der möglichen Änderung an IFRIC 14 bleibt die Hoffnung, dass sie wieder in der Versenkung verschwindet. Hierfür bestehen gute Chancen, sicher ist das aber nicht. 

 

Die neuen Projekte der 2020 Agenda Consultation werden uns erst langfristig beschäftigen. Die Bearbeitung wird frühestens 2022 beginnen – falls sie überhaupt auf die Agenda genommen werden.

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