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Die Finanzkrise hat unter anderem eine neue Diskussion über die Vergütung von
Vorständen und Führungskräften insbesondere in der Bankenbranche ausgelöst.
Welche Fehler in der Vergangenheit bei der Ausgestaltung von Vergütungssystemen
gemacht wurden und wie ein am langfristigen Erfolg ausgerichtetes Modell
aussehen kann, erläutert Bernd Thomaszik, Leiter der Vergütungsberatung bei
Mercer in Deutschland, in diesem Interview.
Herr Thomaszik, welche Schwächen weisen bestehende Vergütungssysteme
nach Ihrer Beobachtung auf?
Bernd Thomaszik: In vielen Unternehmen, vor allem im
Bankensektor, wurden im Bereich der variablen Vergütung Fehler bei der Wahl der
Erfolgsgrößen gemacht: Die Unternehmen haben hier in erster Linie finanzielle
Zielgrößen wie Ergebnis- oder Renditegrößen gewählt. Risikokennzahlen wurden
dagegen stark vernachlässigt.
Darüber hinaus wurden Boni ungeachtet der Folgeentwicklung zumeist auf
jährlicher Basis und teilweise in ihrer Höhe nicht begrenzt ausgeschüttet. Eine
weitere Schwäche, die viele Vergütungssysteme aufweisen, ist die mangelnde
Ausrichtung der Vergütung auf Leistung.
Wie sind diese Defizite zu erklären?
Bernd Thomaszik: Bisher waren Unternehmen kaum einem
Rechtfertigungsdruck gegenüber Aktionären, Mitarbeitern, Kunden und sonstigen
Interessengruppen ausgesetzt. Dies hat sich durch die Finanzkrise und ihre
Auswirkungen deutlich verändert.
Welche Trends sind bei der Neuausrichtung der Vergütungssysteme
zu erwarten?
Bernd Thomaszik: Es ist zu erwarten, dass Unternehmen bei der
Neu- und Weiterentwicklung bestehender Bonussysteme künftig Kenngrößen des
Risikomanagements und Aspekte der Nachhaltigkeit berücksichtigen werden. Dies
gilt nicht nur für die Finanzbranche.
Im Hinblick auf die Gestaltung der variablen Vergütung gehen wir von
einer stärkeren Differenzierung der Top-Performer aus. Darüber hinaus werden
Incentives stärker am langfristigen Erfolg des Unternehmens ausgerichtet werden.
Bonuszahlungen werden nicht mehr auf jährlicher Basis, sondern verstärkt
zeitversetzt ausgeschüttet. Damit sollen kurzfristig erzielte Leistungen auf
ihre Nachhaltigkeit geprüft werden. Positive Ergebnisse können über einen
längeren Zeitraum mit negativen Geschäftsentwicklungen verrechnet werden. Es ist
zudem zu erwarten, dass eine Risikokomponente als Erfolgsgröße einfließen wird.
Was können Unternehmen tun, um dem Aspekt der Nachhaltigkeit im
Zusammenhang mit der Vergütung besser gerecht zu werden?
Bernd Thomaszik: Ein geeignetes Instrument, um ein langfristiges
Denken und Handeln sicherzustellen, ist die Bonusbank. Dahinter steckt folgendes
Prinzip: Die Zielerreichung und -festsetzung erfolgt weiterhin auf jährlicher
Basis. Jedoch wird nur ein Anteil von z. B. 50 Prozent des erreichten Bonus an
die Führungskraft ausgeschüttet, der übrige Teil wird einbehalten. Sollte die
tatsächliche Zielerreichung im Folgejahr geringer oder gar negativ sein, kann
auch eine negative Gutschrift gegen das „Guthaben“ auf der Bonusbank
aufgerechnet werden.
Gibt es bereits viele Unternehmen, die eine Bonusbank
einsetzen?
Bernd Thomaszik: Nein, aufgrund der guten Geschäftsergebnisse
vieler Unternehmen in der Vergangenheit war die Implementierung einer Bonusbank
mit entsprechender Malus-Wirkung bisher auch nicht notwendig. Als prominentes
Beispiel hat die UBS nun als Reaktion auf die Finanzkrise eine Bonusbank
eingeführt. Wir gehen davon aus, dass es eine ganze Reihe Nachahmer geben wird.
Alternativ besteht auch die Möglichkeit, neben dem STI (Short-Term Incentives)
einen mittelfristigen Bonus einzuführen und so die längerfristige
Unternehmensentwicklung zu gewährleisten.
Welche Optimierungsmöglichkeiten gibt es im Bereich Long-Term
Incentives?
Bernd Thomaszik: Hier beobachten wir, dass Unternehmen dazu
übergehen, die Long-Term Incentives (LTI) nicht mehr nur an eine, sondern an
zwei Erfolgshürden zu knüpfen, die gegebenenfalls eine Hebelwirkung haben und
zumeist an unternehmensinterne Erfolgsgrößen gebunden sind. Relative
Erfolgsgrößen werden ebenfalls verstärkt eine Rolle spielen.
Um überhaupt LTI erhalten zu können, müssen Mitarbeiter zunehmend ein
Eigeninvestment in die Unternehmensaktien leisten. In den zuletzt eingeführten
LTI-Plänen der DAX-Unternehmen ist diese Art der Ausgestaltung bereits Praxis.
Alternativ können ausgeschüttete Aktien mit einer weiteren Haltefrist
versehen werden. Damit sind Mitarbeiter über die (obligatorische) Sperrfrist
hinaus an das Unternehmen und den Unternehmenserfolg gebunden.
Gibt es andere Bonusmodelle, die bereits in der Praxis angewendet
werden?
Bernd Thomaszik: Erwähnenswert sind sicher die diskretionären
Boni: Im Mittelpunkt stehen dabei nicht mehr die individuell zu erreichenden
finanziellen Ziele, sondern auch Kenngrößen, die im gesamten Unternehmen als
Kernkennzahlen betrachtet werden. Auf jährlicher Basis wird ein Bonusvolumen
(Bonuspool) bestimmt, das dann wiederum anhand des Beitrags zum
Unternehmensergebnis auf die einzelnen Bereiche aufgeteilt werden kann. Über die
endgültige Zuteilung der individuellen Boni entscheidet der Bereichsleiter.
Die Auszahlungshöhen werden nicht mehr direkt an die Zielerreichung
individueller finanzieller Erfolgsgrößen geknüpft, sondern an die
Unternehmensentwicklung. Denn diese bestimmt das gesamte Bonusvolumen, das an
alle Begünstigte ausgeschüttet werden kann.
Alternativ kann der individuelle Bonus mit einem Unternehmensfaktor
versehen werden, der den individuell erreichten Bonus der Situation des gesamten
Unternehmens anpasst.
Einige bestehende Incentive-Systeme schreiben zudem bereits vor, dass
Boni beim Übererreichen von Zielen auch in Long-Term Incentives umzuwandeln
sind. Der Mitarbeiter wird dadurch zusätzlich längerfristig an die
Unternehmensentwicklung gebunden.
Vielen Dank für das Gespräch, Herr Thomaszik.
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